Boxenstopp in Walperswil

Als Oleksandr Partyshev Mitte April 2022 als 16-Jähriger aus Kiew in die Schweiz kam, musste er seine Liebsten im Krieg zurücklassen. Jetzt hat er in der Schweiz eine neue Familie gefunden.

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Oleksandr Partyshev, das Rennfahr-Talent aus der Ukraine.

Walperswil; das also ist die neue Heimat des ukrainischen Rennfahr-Talents Oleksandr Partyshev. Von der ukrainischen Hauptstadt ins ländliche Berner Seeland. Weit weg von seinem Bruder, seinen Eltern und seinen Freunden. Ankommen in einem völlig unbekannten Land, in einem neuen Umfeld, in einer neuen Familie – aber auch umgehen mit einer neuen Sprache.

Hagneck, Täuffelen, Epsach, Kappelen, Kallnach heissen die Nachbarsorte. Eine Tankstelle, ein Volg-Lädeli, eine Kirche, zwei Beizen, das Schulhaus, der lokale Coiffeur Dauwalder, ein Immobilenbüro und der Sportplatz des lokalen FC sowie Caroline und Gérard Scheidegger. Das ist Walperswil aus der Sicht von Oleksandr Partyshev

Der junge Ukrainer empfängt uns im Haus seiner Gasteltern. Zu Beginn noch etwas scheu, taut er aber innert wenigen Minuten auf und beginnt in perfektem Englisch seine Geschichte zu erzählen. «Ich fahre schon seit Jahren Kart- und Autorennen – bis vor kurzem startete ich in der spanischen Formel 4-Meisterschaft – jetzt versuche ich mich in der Formel 3.» Im Frühling 2022 erhielt Oleksandr Partyshev ein Angebot, für das Schweizer Motorsportteam Jenzer an den Start zu gehen. Gleichzeitig brach in seiner Heimat der Krieg aus. «Gemeinsam mit meinen Eltern entschieden wir, dass ich meine Zelte in Kiew abbreche und in die Schweiz ziehe.»

Es ist nicht so, dass Oleksandr Partyshev zum ersten Mal im Ausland weilt. Er war als Rennfahrer unter anderem bereits in Frankreich, Italien, Spanien oder auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten am Start. Und trotzdem: Auf einmal war er in einem fremden Land (fast) auf sich allein gestellt: «Ich wurde von meiner Gastfamilie sensationell aufgenommen und fühle mich mittlerweile hier zuhause. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit. Ich hätte es nicht besser treffen können», verteilt der junge Ukrainer Komplimente an sein Umfeld.

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Flüchtete als 16-Jähriger vor dem Ukraine-Krieg in die Schweiz: Oleksandr Partyshev
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Oleksandr wurde von seiner Gastfamilie liebevoll aufgenommen
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Oleksandr Partyshev in seinem Zimmer in Walperswil (BE)
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Oleksandr war als Rennfahrer bereits vor dem Ukraine-Krieg in der ganzen Welt unterwegs
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Im Gespräch mit Gastgeber Gérard Scheidegger

Mittlerweile hat sich Oleksandr Partyshev gut eingelebt. Er besucht Französisch- und Deutschkurse und freundete sich bereits mit dem einen oder anderen gleichaltrigen Kollegen an. Selbst seine Familie durfte er besuchen. «Ich habe das grosse Glück, dass ich kürzlich für zwei Wochen nach Kiev reisen konnte. Und letztes Jahr besuchte mich mein Vater in der Schweiz. Aber konstant von meiner Familie getrennt zu sein, ist schon sehr schmerzhaft.»

Eine grosse Hilfe ist seine neue Gastfamilie. «Caroline und Gérard haben mich wie ihr eigenes Kind aufgenommen.» Sein Blick schweift zu den Berner Alpen – die Aussicht von seinem Zimmer über das Berner Mittelland ist grandios. Oleksandr Partyshev ist zwar weit weg von seinen Liebsten, aber ihm fehlt es hier an nichts. «Ein grosses Glück ist auch, dass mich Gérard in seiner Funktion als Sportmanager optimal beraten kann.»

Die Scheideggers selbst zögerten damals keine Sekunde, als sie vom Schicksal von Oleksandr hörten. «Andreas Jenzer von Jenzer Motosport fragte mich bereits Ende Februar, ob wir nicht einen ukrainischen Rennfahrer bei uns aufnehmen könnten. Da wir keine Kinder haben und über genügend Platz verfügen, sagten wir gerne zu. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwartet», meint Gérard Scheidegger. Für den erfahrenen Sportmanager war es sicherlich ein Vorteil, dass Oleksandr einen sportlichen Hintergrund mitbrachte. «Ich betreue und begleite seit Jahren junge Sportler – das ergibt natürlich Synergien. Wir versuchen, ein ruhiges Umfeld zu schaffen und auf seine Bedürfnisse einzugehen.» Für Caroline und Gérard Scheidegger ist das gemeinsame Zusammensein mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Scheidegger zeigt sich positiv überrascht, wie einfach und rasch die Integration erfolgte: «Oleksandr ist eine äusserst unkomplizierte, hilfsbereite und auch demütige Persönlichkeit. Das passt ausgezeichnet zu unseren eigenen Wertvorstellungen.» Dem ehemaligen Eishockey-Manager (Geschäftsführer in Davos, Langnau, Biel und Lausanne) gefällt ausserdem, dass sein Schützling grosse Ambitionen hat. «Man merkt, dass ihn der Sport geprägt hat. Ich begrüsse es, dass er grosse Pläne hat und es bis ganz nach oben schaffen will.» Ganz nach oben hiesse in Oleksandrs Fall die Formel 1: «Ich weiss, wie schwierig das wird, rein schon aus finanzieller Sicht», ergänzt Oleksandr, «aber natürlich wäre das mein grösster Traum.» Und falls es nicht klappt, hat Oleksandr Partyshev auch einen Plan B im Kopf: «Ich will mich immer weiterentwickeln – auch schulisch und beruflich. Und ich möchte meinen Eltern auf jeden Fall eines Tages etwas zurückgeben können.» Sagts, steht auf und schwingt sich aufs Velo; die nächste Runde Deutschkurs steht auf dem Programm.