Das Jahr der grossen Herausforderungen

Was kommt mir in den Sinn, wenn ich ans vergangene Jahr denke? Es sind vor allem Erinnerungen an Begegnungen mit Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um in der Schweiz Schutz zu suchen. Allen voran natürlich die vielen Frauen und Kinder aus der Ukraine, die bei uns sind und hoffen, dass dieser mörderische Krieg bald endet, ihre Angehörigen diesen überleben und sie zu diesen zurückkehren können. Ich war einige Male in den Bundesasylzentren, habe mit vielen Schutzsuchenden gesprochen und war immer wieder beeindruckt davon, wie sie sich trotz all der schlechten Nachrichten aus der Heimat ihre Zuversicht bewahrt und ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen haben. Genau so beeindruckt war ich aber auch von der Hilfsbereitschaft der Schweizer Bevölkerung. Zehntausende von Schutzsuchenden wurden von Gastfamilien herzlich aufgenommen und betreut, durch den Alltag begleitet und sind in vielen Fällen von Gästen zu Familienmitgliedern geworden.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) war in den ersten Tagen nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine extrem gefordert. Tausende von Schutzsuchenden wollten sich in unseren Bundesasylzentren registrieren lassen – entsprechend lange waren die Warteschlangen und Wartezeiten. Dank der Unterstützung von Mitarbeitenden aus der ganzen Bundesverwaltung und einer rasch entwickelten App für die Vereinbarung von Terminen bekamen wir diese Herausforderung rasch in den Griff. Nun galt es, all diesen Schutzsuchenden ein Dach über dem Kopf und ein Bett anzubieten. Auch dies ist gelungen, weil Bund, Kantone, Städte und Gemeinden jederzeit eng und gut zusammengearbeitet haben und von der Zivilgesellschaft unterstützt wurden. Bis Ende 2022 fanden so rund 75 000 Menschen aus der Ukraine ein temporäres Zuhause in der Schweiz und konnten rasch damit beginnen, ihr Leben neu zu organisieren, eine unserer Landessprachen zu lernen und, wo dies bereits möglich war, eine Arbeit zu suchen. Noch immer beantragen mehrere Hundert Personen aus der Ukraine pro Woche den Schutzstatus S bei uns. Für sie werden wir ebenfalls Lösungen finden.

Staatssekretärin Christine Schraner Burgener
Staatssekretärin Christine Schraner Burgener, vorne links im Bild.

Auch im Asylbereich war das SEM 2022 sehr gefordert. Rund 24 500 neue Asylgesuche wurden gestellt – die höchste Zahl seit 2016. Wir konnten die Zahl der Unterbringungsplätze dank der Unterstützung der Armee fast verdoppeln und die Betreuung mit Hilfe von Zivildienstleistenden jederzeit gewährleisten. Das SEM rechnet 2023 mit einer weiteren Zunahme neuer Asylgesuche. Die Suche nach zusätzlichen Betten für die Asylsuchenden und Betreuungspersonal ist deshalb zu einer Daueraufgabe geworden. Dies gilt nicht nur für den Bund, sondern auch für die Kantone, Städte und Gemeinden. Und doch kann ich erfreut feststellen, dass unser Asylsystem die Bewährungsprobe bis jetzt gut bestanden hat – weil alle Beteiligten am gleichen Strick gezogen haben.

Obwohl wir in den Bundesasylzentren zwischenzeitlich deutlich mehr Menschen unterbringen mussten als vorgesehen, ist die Zahl der sicherheitsrelevanten Ereignisse 2022 markant zurückgegangen. Das SEM hat ein umfassendes Gewaltpräventionskonzept erarbeitet und bereits eine Reihe von Massnahmen umgesetzt, die erfreulicherweise Wirkung zeigen. Es ist uns bewusst, dass wir in diesem sensiblen Bereich dranbleiben müssen. Weitere Massnahmen sind geplant und werden 2023 umgesetzt.

Ob all dieser Herausforderungen im Asylbereich geht manchmal vergessen, welche Leistungen das SEM in vielen anderen Bereichen erbringt. So sind 2022 mehr weggewiesene Personen aus der Schweiz ausgereist als in den vorangegangenen Jahren. Wir profitieren in diesem Bereich von einer guten Zusammenarbeit mit den Kantonen, aber auch mit vielen Herkunftsstaaten, um die uns andere Staaten beneiden. Auch aus dem Integrationsbereich gibt es positive Nachrichten. Die Erwerbsquote von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen steigt stetig, die Integrationsmassnahmen von Bund und Kantonen zeigen Wirkung. Als Beispiel sei hier die Integrationsvorlehre für Jugendliche genannt, die vielen den Einstieg in eine Berufslehre ermöglicht und sich so zu einer eigentlichen Erfolgsgeschichte entwickelt.

Migration bewegt – unser Amt und das ganze Land. Die Zahlen, Fakten und Geschichten zum vergangenen Jahr finden Sie in diesem Migrationsbericht. Das SEM wird sich auch weiterhin mit aller Kraft dafür einsetzen, dass wir die vielen Herausforderungen bewältigen können. Dabei dürfen wir nie vergessen, dass hinter all den Zahlen immer Menschen stehen mit ihren Ängsten und Hoffnungen. Ich möchte auch 2023 vielen von ihnen zuhören.

Christine Schraner Burgener

Staatssekretärin für Migration