«Das ist ein Urthema der Menschheit»

Liliane Meyer Pitton ist seit dem 1. August 2022 als Beauftragte für Thema Diversität & Inklusion beim SEM zuständig. Was aber heisst das im täglichen Arbeitsumfeld, wo liegt der Fokus und welche langfristigen Ziele verfolgt das SEM?

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Bringt Bewegung ins Thema Diversität und Inklusion: Liliane Meyer Pitton

Frau Meyer Pitton, (wie) kann man allen Menschen und Mitarbeitenden beim SEM gerecht werden?
Wir müssen versuchen, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich die Menschen unabhängig von sozialen Kategorien und ihrem Arbeitsinhalt sicher fühlen und sich entwickeln können. Alles beruht auf Würde, Respekt und Integrität. Chancengleichzeit herzustellen ist aber immer ein Prozess.

Wie meinen Sie das genau?
Dies alles passiert nicht von selbst. Es steckt eine Menge Arbeit und auch Umdenken dahinter. Absolute Gerechtigkeit ist ein idealer Endzustand, den wir nie ganz erreichen werden. Aber wir können die Machtverhältnisse hinterfragen und verändern. Es wird immer wieder neue Aufgaben und Kategorien geben.

Wieso ist das Thema so wichtig und warum erhält es zurzeit so viel Aufmerksamkeit?
Die Vielfalt von uns Menschen ist eine Tatsche. Auch, dass wir in verschiedenen Formen leben. Und dass es immer eine Aushandlung gibt, wessen Vielfalt gerade als Norm gilt, wer dazugehört und wer mitreden darf. Machtverhältnisse bauen auf tatsächlichen oder zugeschriebenen Unterschieden auf. Es ist ein Urthema der Menschheit. Heute können im Vergleich zu früher einfach mehr Menschen mitreden und sich einbringen.

Das tönt anstrengend. Können Sie uns das erklären?
Das Thema Chancengleichheit / Diversity & Inclusion braucht eine grosse Frustrationstoleranz. Es geht meist nur in kleinen Schritten vorwärts, und manchmal leider auch wieder rückwärts. Sicher, es braucht Kraft und Ressourcen, doch es offenbart auch äusserst vielfältige und faszinierende Aspekte.

Faszinierend, aber sicher auch komplex. Wie kann man diese Thematik den Menschen zugänglicher machen?
Grundsätzlich sind wir alles Menschen – es gibt keinen Grund, dass jemand wegen Äusserlichkeiten oder Fähigkeiten weniger oder mehr wert ist. So gesehen ist es gar nicht so komplex. Wir müssen nur die Limiten der anderen respektieren. Wichtig ist ausserdem, dass darüber gesprochen wird und dass wir versuchen, uns in andere Situationen hineinzuversetzen.

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Meyer Pitton: «Beim SEM herrscht eine grosse Sensibiltät zu diesem Thema»

An welcher Strategie orientiert ihr euch in Bezug auf das Thema?
Wir sind erst gerade in der Erarbeitung einer eigentlichen D&I-Strategie. Der Impuls dazu kam aus dem Thema Geschlechtergleichstellung und Bekämpfung von Sexismus und sexueller Belästigung. 2020/21 wurde eine Studie in Auftrag gegeben, um allfällige Verbesserungspotenziale zu eruieren. Die Schaffung meiner Stelle ist eine von insgesamt elf Massnahmen, die jetzt Schritt für Schritt umgesetzt werden.

Gibt es diesbezüglich auch Vorgaben vom Bund?
Die Personalstrategie, beziehungsweise das Diversitymanagement der Bundesverwaltung setzt die folgenden Handlungsfelder in den Fokus: Gleichstellung der Geschlechter, Mehrsprachigkeit, Alter beziehungsweise Generationen, Integration von Menschen mit Behinderungen, und Multikulturalität. In gewissen Bereichen gibt es auch Sollwerte.

Wo steht das SEM in Bezug auf die Chancengleichheit zum jetzigen Zeitpunkt?
Dies ist je nach Themenbereich unterschiedlich. Es ist viel in Bewegung und der Wille und die Dialogbereitschaft sind da. Als nächstes geht es um die konkreten Umsetzungen.

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Liliane Meyer Pitton ist überzeugt: «Es ist alles eine Frage der menschlichen Vielfalt»

Apropos, wie kommt dieses Thema firmenintern an?
«Natürlich existieren auch bei uns Abwehrmechanismen und Gleichgültigkeit. Andererseits herrscht glücklicherweise eine grosse Sensibilität – auch in unserem Umfeld, in dem wir uns bewegen.»

Was habt ihr bereits auf die Beine gestellt und erreicht?
«Die meisten Massnahmen sind jetzt erst in Umsetzung. Ein obligatorisches E-Learning zum Thema sexuelle Belästigung wurde ausgerollt, nun erarbeiten wir zusätzlich Workshops zum Thema. Weiter wird ab 2023 eine D&I-Komitee geschaffen und ein Mentoringprogramm aufgebaut werden. Ausserdem soll auch ein Monitoring erstellt werden.»

Wie fielen die bisherigen Reaktionen dazu aus?
«Mehrheitlich äusserst positiv. Ich habe hier viele Leute kennengelernt, die sehr enthusiastisch und proaktiv mit dem Thema umgehen. Mir ist der Dialog mit allen Menschen sehr wichtig. Klar ist auch: Es ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig, um Vorurteile abzubauen.»

Ganz zuletzt: Was fasziniert Sie persönlich an D&I?
«Ich schaue Situationen stets aus verschiedenen Blickwinkeln an und hinterfrage gerne Dinge. Ausserdem ist es spannend, immer Neues dazuzulernen. Die menschliche Vielfalt hat mich immer interessiert und fasziniert – genauso wie die Frage nach Gerechtigkeit.»

Liliane Meyer Pitton hat Linguistik, Ethnologie und Soziologie an der Universität Neuchâtel studiert und an der Universität Bern promoviert. Seit mehreren Jahren zum Thema Gleichstellung unterwegs, arbeitet sie nun zu 50 Prozent als Beauftragte Diversität & Inklusion beim SEM.