Überfahrten auf der zentralen Route nehmen erneut deutlich zu

Je nach Situation, Möglichkeiten und Risiken verändern sich die Routen, auf denen Migrantinnen und Migranten übers Mittelmeer nach Europa gelangen. Wird die Migration von der Türkei nach Griechenland stark behindert, so weichen Migrationswillige auf den Seeweg nach Italien aus. Die weiterhin starke Überwachung an der türkisch-griechischen Seegrenze dürfte mit ein Grund für die deutliche Zunahme der Überfahrten auf der zentralen Mittelmeerroute im Jahr 2022 sein. Die Zahl der Ankünfte auf der westlichen Mittelmeerroute nahm ab, während die östliche Mittelmeerroute eine deutliche Zunahme der Zahlen, wenn auch auf tiefem Niveau, verzeichnete. Die 2021 neu entstandene Route über Belarus war 2022 kaum mehr von Bedeutung.

Für die Asylmigration in die Schweiz war 2022 die Migration über die Balkanroute der zentrale Faktor für die Entwicklung der Asylgesuche.

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Westliche Mittelmeerroute
31 800
Zentrale Mittelmeerroute
105 100
Östliche Mittelmeerroute
18 800
Balkanroute
Ukraine
Übrige Routen
  • Westliche Mittelmeerroute
  • Zentrale Mittelmeerroute
  • Östliche Mittelmeerroute
  • Balkanroute
  • Ukraine
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Rückgang der Ankünfte im Westen

Top 5 Herkunftsländer

Herkunftsland Personen Hauproute
1 Marokko 11 000 Kanaren und Festland
2 Algerien 7 000 Festland
3 Senegal 2 300 Kanaren
4 Elfenbeinküste 1 800 Kanaren
5 Guinea 1 600 Kanaren

Die westliche Mittelmeeroute besteht aus zwei grossen Subrouten. Die eine führt über den westlichsten Teil des Mittelmeers respektive die Strasse von Gibraltar von Marokko und Algerien aus in Richtung spanisches Festland. Auch auf den Balearen landen zuweilen Migrantinnen und Migranten an. Diese Subroute wird primär von Migrantinnen und Migranten algerischer und marokkanischer Nationalität benutzt. Die zweite Subroute führt aus Marokko, der Westsahara und Mauretanien aus auf die Kanarischen Inseln. Hier landen primär marokkanische Staatsangehörige sowie Bürgerinnen und Bürger verschiedener westafrikanischer Staaten an.

Die Migration aus Nordafrika nach Spanien (direkt, via Ceuta, via Melilla oder via die Kanarischen Inseln) ging im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurück. Insgesamt gelangten auf diesem Weg rund 31 800 Personen nach Europa (Vorjahr 43 200). Die anteilsmässige Verteilung auf die Subrouten entspricht weitestgehend derjenigen des Vorjahres. Auf den Kanaren trafen rund 15 700 Personen ein (Vorjahr 23 050), auf dem spanischen Festland und den Balearen 14 200 (Vorjahr 18 930). In den beiden Exklaven Ceuta und Melilla trafen 1900 Personen ein, 650 mehr als im Vorjahr.

Im Verlauf des Jahres 2022 haben sich die spanisch-marokkanischen Beziehung deutlich verbessert. Dies dürfte mit ein Grund für den Rückgang der Überfahrten auf die Kanaren und insbesondere der Einbruch der Anlandungen in den Monaten November und Dezember sein.

Für die Migration in Richtung Schweiz ist diese Route von sekundärer Bedeutung.


Seit dem Höhepunkt der Migrationskrise im Jahr 2015 ist die Zahl der irregulären Einreisen in den Schengen-Raum deutlich zurückgegangen.

Im Jahr 2022 wurden 155 700 irreguläre Einreisen registriert. Die Aufschlüsselung nach Migrationsrouten sieht wie folgt aus:

  • Zentrale Route: 105 100 Einreisen
  • Östliche Route: 18 800 Einreisen
  • Westliche Routen: 31 800 Einreisen

Zahlen und weiterführende Information sind via das UNHCR Operational Data Portal abrufbar: Mediterranean Situation (unhcr.org).

Bleibt wichtigste Route

Top 5 Herkunftsländer

Herkunftsland Personen Hauptorute
1 Ägypten 20 500 Libyen
2 Tunesien 18 100 Tunesien
3 Bangladesch 15 000 Libyen
4 Syrien 8 600 Türkei
5 Afghanistan 7 200 Türkei

Die zentrale Mittelmeerroute besteht aus mehreren Subrouten die alle in Italien respektive im Seegebiet südlich von Italien enden. Von Tunesien aus stechen primär tunesische und ivorische Staatsangehörige in See. Von Libyen aus sind es Menschen aus West- und Ostafrika, aus Ägypten und aus Bangladesch. Von der Türkei aus sind es vor allem afghanische, iranische, irakische und syrische Staatsangehörige.

Die Migration auf der zentralen Mittelmeerroute nahm 2022 erneut deutlich zu. Insgesamt trafen 105 100 Personen in Süditalien ein. Das sind rund 37 700 Personen mehr als im Jahr 2021 (67 500). Es ist der höchste Wert seit dem Jahr 2017 (119 400 Personen).

Die wichtigste Subroute war 2022 diejenige aus Libyen mit über 52 500 Personen. Stachen im Vorjahr praktisch alle Personen von Westlibyen aus in See, so nahmen im Verlauf des Jahres 2022 die Anlandungen aus Ostlibyen zu. Die Subroute aus Tunesien (32 800 Personen) war wie im Vorjahr die zweitwichtigste Route nach Italien. Die Migration auf der Subroute aus der Türkei (18 000 Personen) nahm erneut zu. Hintergrund für diese Entwicklung dürfte die weiterhin starke Überwachung der türkisch-griechischen Seegrenze sein, die zu einer Umlenkung eines Teils der Migration nach Italien führte. 2022 landeten mehr Personen mit Abfahrtsort in der Türkei in Italien an als auf dem Seeweg von der Türkei aus Griechenland erreichten. Weitere Migranten, die Italien erreichten, hatten ihren Abfahrtsort im Libanon (1600 Personen) und in Algerien (1200).

Bis vor einigen Jahren bestand ein klarer Zusammenhang zwischen der Anzahl der Anlandungen in Süditalien und der Zahl der Asylgesuche in der Schweiz. Nahmen die Anlandungen zu, stiegen in der Schweiz die Asylgesuche, trafen weniger Personen in Süditalien ein, sanken die Gesuche wieder. Dies ist zurzeit nicht der Fall. Die Entwicklung der Migration über das zentrale Mittelmeer bleibt für die Schweiz jedoch langfristig von hoher Bedeutung.


Seit dem Höhepunkt der Migrationskrise im Jahr 2015 ist die Zahl der irregulären Einreisen in den Schengen-Raum deutlich zurückgegangen.

Im Jahr 2022 wurden 155 700 irreguläre Einreisen registriert. Die Aufschlüsselung nach Migrationsrouten sieht wie folgt aus:

  • Zentrale Route: 105 100 Einreisen
  • Östliche Route: 18 800 Einreisen
  • Westliche Routen: 31 800 Einreisen

Zahlen und weiterführende Information sind via das UNHCR Operational Data Portal abrufbar: Mediterranean Situation (unhcr.org).

Zunahme der Ankünfte in Griechenland

Top 5 Herkunftsländer

Herkunftsland Personen Hauproute
1 Palästinenser 2 700 Seeweg
2 Türkei 2 500 Landweg
3 Syrien 2 500 Land- und Seeweg
4 Afghanistan 1 600 Seeweg
5 Somalia 1 500 Seeweg

Die östliche Mittelmeerroute setzt sich aus der See- und der Landroute von der Türkei nach Griechenland und den Subrouten über Bulgarien und Nordzypern zusammen. 2022 gelangten rund 18 000 Personen nach Zypern, ein deutlicher Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr und damit beinahe gleich viele wie auf dem See- und Landweg Griechenland erreichten (18 800).

Die Migration aus der Türkei in Richtung Griechenland kam im April 2020 faktisch zum Erliegen. Bis Mai 2022 trafen selten mehr als 1000 Personen pro Monat in Griechenland ein. Danach stieg die Zahl an und lag ab August bis Ende Dezember 2022 in einem Bereich zwischen 2000 und 2800 Personen pro Monat.

Die Migration auf der Landroute von der Türkei nach Griechenland nahm 2022 um rund 1200 Personen zu. Insgesamt gelangten 6000 Personen auf diesem Weg nach Griechenland. Es ist jedoch von einer nicht unerheblichen Dunkelziffer auszugehen.

Auf den griechischen Inseln landeten 2022 rund 12 800 Migranten an, rund 8400 mehr als im Vorjahr. Die Werte bleiben aber auf tiefem Niveau.

Die Unterbringungssituation in den Unterkünften auf den Inseln in der Ägäis bleibt entspannt. Ende 2022 hielten sich dort insgesamt 4700 Personen auf. Die Kapazität liegt bei gut 15 000 Plätzen.

Die östliche Mittelmeerroute und die Weiterwanderung über den Balkan blieben 2022 für die Migration in die Schweiz von grosser Bedeutung.


Seit dem Höhepunkt der Migrationskrise im Jahr 2015 ist die Zahl der irregulären Einreisen in den Schengen-Raum deutlich zurückgegangen.

Im Jahr 2022 wurden 155 700 irreguläre Einreisen registriert. Die Aufschlüsselung nach Migrationsrouten sieht wie folgt aus:

  • Zentrale Route: 105 100 Einreisen
  • Östliche Route: 18 800 Einreisen
  • Westliche Routen: 31 800 Einreisen

Zahlen und weiterführende Information sind via das UNHCR Operational Data Portal abrufbar: Mediterranean Situation (unhcr.org)

Balkanroute

Die Routen auf dem Balkan verlagerten sich 2022 mehrfach. Dabei blieb Serbien während der ganzen Zeit der eigentliche Migrationshub. Im Verlauf des Jahres 2022 gewann die Subroute von Serbien über Bosnien und Kroatien nach Slowenien und Italien deutlich an Bedeutung. Im Verlauf des Novembers dürfte diese Subroute zur wichtigsten für die Weiterwanderung vom Balkan geworden sein.

Im Verlauf des Sommers mehrten sich Anzeichen dafür, dass die Migration über die türkisch-bulgarische Grenze in einer Zunahme begriffen ist.

Die östliche Mittelmeerroute und die Weiterwanderung über den Balkan blieben 2022 für die Migration in die Schweiz von grosser Bedeutung.

Zahlen und weiterführende Information sind via das UNHCR Operational Data Portal abrufbar: Situation South Eastern Europe (unhcr.org).

Ukraine

Am 24. Februar 2022 griff Russland die Ukraine an. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer, aber auch Drittstaatenangehörige, die sich im Land legal aufgehalten hatten, flohen in der Folge aus der Ukraine. Die EU aktivierte am 4. März die «Temporary Protection Directive» (TPD), die Schweiz am 12. März den Schutzstatus S. Bis Ende April suchten rund 3 Millionen Menschen aus der Ukraine im EU- und Schengenraum Schutz. Im Verlauf des Frühjahres wurde klar, dass ein rascher Sieg Russlands unwahrscheinlich ist. Die Umfang der Fluchtbewegungen aus der Ukraine hinaus ging zurück. Bis Ende 2022 erhielten im Schengenraum rund 4,9 Millionen Geflüchtete aus der Ukraine einen temporären Schutzstatus. Weitere rund 5,9 Millionen Menschen hatten innerhalb der Ukraine Schutz vorläufig gefunden.

Die genaue Dimension der Fluchtbewegung aus der Ukraine hinaus ist schwer zu erfassen. Zahlreiche Personen dürften in mehr als einem Staat den S Status beantragt haben oder sind nach Erhalt eines S Status in Länder ausserhalb des Schegenraums weitergereist. Zudem ist auch eine grössere Anzahl von Personen in die Ukraine zurückgereist. Es zirkulieren deshalb zum Teil recht unterschiedliche Zahlen zur Dimension der Fluchtbewegungen aus der Ukraine hinaus und auch zur Anzahl der im Schengenraum temporär geschützten Personen.

Ukraine Refugee Situation (unhcr.org)

Übrige Routen

Die Route über Belarus, welche 2021 an Bedeutung gewann, ist 2022 nicht mehr von grosser Wichtigkeit. Bereits gegen Ende 2021 waren Massnahmen ergriffen worden, um die Migration auf dieser Route einzudämmen. Mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine sank 2022 die Bedeutung der Belarus-Route weiter.

Die Migration aus Frankreich über den Ärmelkanal nach Grossbritannien hat 2021 deutlich zugenommen. Setzten 2020 noch knapp 9000 Personen mit Booten nach England über, waren es 2021 schon über 28 000 und 2022 schon über 45 500. Grossbritannien hat mit Frankreich mehrere Absprachen getroffen, um diese Migration zumindest einzuschränken. Der Erfolg war bisher bescheiden. Auch die teilweise massive Antiimmigrations-Rhetorik der britischen Regierung (z. B. Ruanda-Plan) vermag die Migranten nicht abzuhalten.

In Folge des Wegfalls der pandemie-bedingten Einschränkungen im interkontinentalen Luftverkehr ist die Zahl der Personen aus Lateinamerika, die in Europa, insbesondere in Spanien, um Asyl nachsuchen, deutlich angestiegen. Die meisten Lateinamerikaner können mit ihren eigenen Reisedokumenten und ohne Visum nach Europa fliegen.


Migrationsrouten DE 2