Der Länderanalyst – smart und neutral

Die Länderanalysen des SEM sind ein begehrtes Gut. Sie legen ohne Scheuklappen dar, was sich in Herkunftsländern mit hohen Gesuchszahlen zuträgt und wie sich die Situation auf die Bevölkerung und deren Dasein auswirkt. Das SEM leitet davon unter anderem seine Asylpraxis ab.

Ob er denn die Krise am Hindukusch nicht schon viel früher habe kommen sehen, geht die Frage an den Afghanistan-Analysten. Nun, den Zusammenbruch der afghanischen Regierung hätten die meisten Beobachter erwartet – auch er. Doch diesen abrupten Schnitt in den Augusttagen des letzten Jahres, diese Übernahme der Macht durch die Taliban innert weniger Tage, hätte kaum jemand vorhergesehen: «Dieses Tempo überraschte letztlich auch die Taliban selber.» Angesichts des Truppenrückzugs der USA sei allen klar gewesen, dass die damalige afghanische Regierung selbständig nicht bestehen könne. Entscheidend sei gewesen, wie stark sich die Amerikaner trotz ihres Truppenabzugs noch in Afghanistan engagieren würden. Die Amerikaner gaben jedoch ihre Präsenz im Land vollständig auf, wie wir heute wissen. «Die Dynamik, welche der vollständige Rückzug der USA auslöste, sah niemand voraus», erklärt der Analyst nüchtern.

Ihm ist wichtig festzuhalten, dass die Länderanalysten keine Prognosen abgeben oder Wahrscheinlichkeiten erörtern: «Wir stellen den Status quo in den von uns betreuten Ländern dar. Wer ist an der Macht? Wie ist die Menschenrechts- und Versorgungslage? Von wem geht Verfolgung aus, welche Schutzmechanismen bestehen? Diese Recherchearbeit ist unsere primäre Aufgabe.» Auf dieser Basis würde anschliessend die geltende Asylpraxis für das jeweilige Land beruhen.

Anspruchsvolle Quellenbewertung

«Wenn sich in einem Land die Ereignisse derart überstürzen wie in Afghanistan, benötigen die Asyl-Spezialistinnen, aber auch weitere SEM-Stellen tagesaktuelle Updates über die Situation vor Ort», fährt er fort. Das sei gerade in solchen Krisensituationen alles andere als einfach: «Zu Beginn konnten wir uns fast nur auf die Medien und Social-Media-Kanäle abstützen». Ihm habe sein gutes Netzwerk mit Analysten anderer europäischer Asylbehörden, mit Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisationen, mit den diplomatischen Vertretungen der Schweiz geholfen. Denn die Länderanalyse brauche eine solide Quellenbasis – das heisst, eine Information müsse nicht nur überprüft, sondern mindestens von einer anderen Quelle bestätigt werden.

Gerade auf Social Media sei das Risiko, von Fake News oder Desinformation getäuscht zu werden, relativ gross. «Es kann gut ein, dass zwei Twitter-Accounts die gleiche Information teilen, sich also scheinbar bestätigen. Aber unter Umständen sind sie der sogenannten ‘false confirmation’ erlegen, weil sie sich beide auf jene Quelle berufen, die Falschinformationen verbreitet.» Darum, so der Analyst, sei es wichtig, dass er auch den Kontext der Quelle kenne, also wisse, welche Interessen sie beispielsweise verfolge. «Amnesty International oder Human Rights Watch sind transparent und dokumentieren stets ihre Methodologie. Aber auch sie folgen einer eigenen Agenda, genauso wie die Regierungen der USA oder des Irans eigene Interessen haben, wenn sie Berichte veröffentlichen.»

Mal die Berner Amtsstube verlassen

Am liebsten macht sich der Länderanalyst ohnehin selber ein Bild, geht vor Ort. Auf Fact-Finding-Missions erfahren die Analysten des SEM von den Leuten in den Herkunftsländern selbst, wie sie die Lage einschätzen. Dies hilft nicht nur dabei, Informationslücken zu schliessen, sondern auch andere Sichtweisen kennenzulernen als jene in den öffentlichen Berichten. Oft erbringe gerade diese Erfahrung wichtige, völlig neue Erkenntnisse. Aber auch das Miterleben des Alltags in so einem Land sei zentral: «Wir können nicht alle Aspekte des Lebens vom Schreibtisch in Bern aus erfassen.»

Der Analyst des SEM blendet soweit möglich aus, welche Auswirkungen seine Berichte im Asylbereich haben könnten: «Unser Massstab ist die Realität vor Ort, die wir so objektiv wie möglich darstellen. Unsere Expertise gilt dem Herkunftsland – wir beeinflussen die Asylspolitik der Schweiz nicht, geben keine Empfehlungen ab.» Die schwierige Aufgabe der Umsetzung seiner Berichte in die festzulegende Asylpraxis obliege hingegen den Fachspezialistinnen des Asylverfahrens. Er mache nicht Politik, fährt er fort, aber seine Arbeit könne natürlich politisiert werden. Weil: Seine faktentreuen Ausführungen seien nicht allen Leuten genehm: «Wir Analysten wollen Fakten ausgewogen darlegen, neutral alle Facetten beleuchten.» Das sei bei Politikerinnen und Politikern aber per Definition anders, sie seien buchstäblich parteiisch.

19-köpfiges Team für 118 Länder

Die Sektion Analyse des SEM umfasst zwei Bereiche mit insgesamt 20 Mitarbeitenden im Direktionsbereich Asyl. Letztes Jahr hat die Sektion Analyse insgesamt 1000 Dienstleistungen zu 118 Ländern erbracht. In der Länderanalyse recherchieren sie, wie sich die Verhältnisse in Herkunftsländern politisch und sozial entwickeln.

Im zweiten Bereich, der Migrationsanalyse, werden aktuelle Trends und Entwicklungen im Bereich der Asylmigration und der irregulären Migration beobachtet und analysiert. Dort geht es darum aufzuzeigen, welche Routen beispielsweise von migrierenden Menschen genutzt werden, wie die Länder entlang dieser Route darauf reagieren etc. Sie dienen als Basis für die zu erstellen Prognosen der Asylgesuchsentwicklung.