Überfahrten auf der zentralen Route verdoppeln sich

Je nach Situation, Möglichkeiten und Risiken verändern sich die Routen, auf denen Migrantinnen und Migranten übers Mittelmeer nach Europa gelangen. Wird die Migration von der Türkei nach Griechenland stark behindert, so weichen Migrationswillige auf den Seeweg nach Italien aus. Auch deshalb verdoppelten sich 2021 die Überfahrten auf der zentralen Route Richtung Italien. Die Bewegungen auf den Routen West und Ost blieben ähnlich hoch wie im Vorjahr. Ein gänzlich neues Phänomen ist hingegen die sogenannte «Belarus-Route».

Für die Asylmigration in die Schweiz gewann insbesondere die Weiterwanderung aus Griechenland im vergangenen Jahr an Bedeutung.

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Westliche Mittelmeerroute
43 200
Zentrale Mittelmeerroute
67 500
Östliche Mitelmeerroute
11 000
Balkan-Route
35 000
Belarus-Route
22 500
  • Westliche Mittelmeerroute
  • Zentrale Mittelmeerroute
  • Östliche Mittelmeerroute
  • Balkan-Route
  • Belarus-Route

Kein Rückgang im Westen

Top 5 Herkunftsländer

Herkunftsland Personen Hauptroute
1 Marokko 10 000 Kanaren und Festland
2 Algerien 9 500 Festland
3 Elfenbeinküste 3 100 Kanaren
4 Mali 2 850 Kanaren
5 Guinea 2 500 Kanaren
Die westliche Mittelmeeroute besteht aus zwei grossen Subrouten. Die eine führt über den westlichsten Teil des Mittelmeers respektive die Strasse von Gibraltar von Marokko und Algerien aus in Richtung spanisches Festland. Auch auf den Balearen landen zuweilen Migrantinnen und Migranten an. Diese Subroute wird primär von Migrantinnen und Migranten algerischer und marokkanischer Nationalität benutzt. Die zweite Subroute führt aus Marokko, der Westsahara und Mauretanien aus auf die Kanarischen Inseln. Hier landen primär marokkanische Staatsangehörige sowie Bürgerinnen und Bürger verschiedener westafrikanischer Staaten an.

2021 trafen in Spanien insgesamt 43 200 Migrantinnen und Migranten ein, etwa gleich viele wie im Jahr 2020 (41 900). Auch bei der Nutzung der Routen waren keine grossen Änderungen festzustellen. Auf den Kanaren trafen jeweils 23 000 Personen ein. Auf dem spanischen Festland waren es 2021 knapp 19 000, etwas mehr als 2020 (17 300).

Ein Spezialfall sind beiden spanischen Exklaven in Marokko, Ceuta und Melilla. Hier überwinden immer wieder Menschen die Grenzzäune. Im vergangenen Jahr waren es rund 1200 Personen, etwas weniger als im Vorjahr (1550). Allerdings gelangten am 17./18. Mai zwischen 7000 und 9500 marokkanische Staatsangehörige nach Ceuta. Ein ganz grosser Teil wurde innerhalb weniger Tage wieder nach Marokko zurückgebracht.

Für die Migration in Richtung Schweiz ist diese Route von sekundärer Bedeutung.

Erstmals seit 2017 wieder wichtigste Route

Top 5 Herkunftsländer

Herkunftsland Personen Hauptroute
1 Tunesien 15 700 Tunesien
2 Ägypten 8 350 Libyen
3 Bangladesch 7 800 Libyen
4 Iran 3 900 Türkei
5 Elfenbeinküste 3 800 Tunesien
Die zentrale Mittelmeerroute besteht aus mehreren Subrouten die alle in Italien respektive im Seegebiet südlich von Italien enden. Von Tunesien aus stechen primär tunesische und ivorische Staatsangehörige in See. Von Libyen aus sind es Menschen aus West- und Ostafrika, aus Ägypten und aus Bangladesch. Von der Türkei aus sind es vor allem iranische, irakische und syrische Staatsangehörige.

2021 gelangten rund 67 500 Menschen auf dieser Route nach Italien. Das sind rund doppelt so viele wie im Jahr 2020 (34 150). Mehr Migrantinnen und Migranten (119 500) trafen letztmals im Jahre 2017 in Italien ein. Rund 30 500 dieser Personen stachen von Libyen aus in See, rund 20 000 von Tunesien aus, knapp 13 000 von der Türkei aus und rund 1500 von Algerien aus. Weitere Abfahrtsorte lagen in Albanien, Ägypten, Griechenland und im Libanon. Die vermehrte Nutzung des Seewegs aus der Türkei nach Italien dürfte wohl darauf zurückzuführen sein, dass die Route von der Türkei nach Griechenland stark kontrolliert wird.

Bis vor einigen Jahren bestand ein klarer Zusammenhang zwischen der Anzahl der Anlandungen in Süditalien und der Zahl der Asylgesuche in der Schweiz. Nahmen die Anlandungen zu, stiegen in der Schweiz die Asylgesuche, trafen weniger Personen in Süditalien ein, sanken die Gesuche wieder. Dies ist zurzeit nicht der Fall.

Weniger Ankünfte in Griechenland

Top 5 Herkunftsländer (Griechenland, Land- und Seeweg)

Herkunftsland Personen Hauptroute
1 Türkei 2350 Landweg
2 Afghanistan 1200 Seeweg
3 Syrien 670 Landweg
4 Somalia 600 Seeweg
5 Palästina 350 Seeweg
Die östliche Mittelmeerroute kann im Wesentlichen auf die See- und die Landroute von der Türkei nach Griechenland beschränkt werden. Die Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien war in den letzten Jahren nur in geringem Ausmass von irregulärer Migration betroffen. Hingegen nahm die Zahl der Personen, die von der Türkei aus über Nordzypern in die Republik Zypern gelangten, deutlich zu. 2021 waren es rund 11 000 Personen, erstmals mehr als von der Türkei nach Griechenland gelangten.

Die Migration aus der Türkei in Richtung Griechenland kam im April 2020 faktisch zum Erliegen. Seither liegt die Summe der Anlandungen und Landübertritte meist unter 1000 Personen pro Monat. 2021 gelangten 4100 Migrantinnen und Migranten auf dem Seeweg- und 4700 auf dem Landweg nach Griechenland.


Aufgrund der geringen Anlandungen aus der Türkei, hat sich die Situation in den Unterkünften auf den griechischen Inseln 2021 weitgehend entspannt. Waren Anfang 2020 noch 42 000 Personen dort untergebracht, waren es Anfang 2021 noch 17 000 und Ende 2021 noch rund 3200.

Den Landweg nutzen primär Staatsangehörige der Türkei (2350) und Syriens (670); den Seeweg Staatsangehörige Afghanistans (1000) und Somalias (600)

Für die Migration in Richtung Schweiz war die östliche Mittelmeerroute lange von sekundärer Bedeutung. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert. Immer mehr Personen, die teilweise vor mehreren Jahren in Griechenland angelandet sind, wanderten 2020 und vermehrt 2021 weiter nach Mitteleuropa. Dabei wurde auch vermehrt die Schweiz zum Zielland.

Ziel ist mehrheitlich Deutschland

Im 2021 nahm die Weiterwanderung von Personen, die in Griechenland über einen Schutzstatus verfügten, deutlich zu. Viele der Weiterwanderer nutzen dabei den Luftweg. Dies ist ohne weiteres möglich, da anerkannte Flüchtlinge Anrecht auf ein Reisedokument für Flüchtlinge haben, welches Reisen innerhalb des Schengen-Raums erlaubt. Ziel dieser Personen ist mehrheitlich Deutschland, wo sie ein erneutes Asylgesuch stellen. Der genaue Umfang der Migration über die Balkanrouten 2021 ist wie schon in den Vorjahren schwierig abzuschätzen, je nach verwendeter Quelle unterscheiden sich die Zahlen erheblich. Insgesamt dürften die Zahlen etwa gleich hoch oder leicht höher ausgefallen sein als 2020. Die Migration über den Balkan verlagerte sich 2021 noch stärker nach Osten. Die Hauptroute verläuft zurzeit von Griechenland über Nordmazedonien und Serbien nach Rumänien und von dort weiter über Ungarn nach Österreich.

Migration als politisches Druckmittel

Im Sommer 2021 öffnete Belarus sein Staatsgebiet vermehrt für Migrantinnen und Migranten aus dem Nahen Osten. In den folgenden Monaten erreichten wohl zwischen 20 000 und 25 000 Personen das Land auf dem Luftweg. Verlässliche Zahlen sind nicht vorhanden. In der Mehrheit handelte es sich um Kurdinnen und Kurden aus dem Nordirak, aber auch um Staatsangehörige Syriens, Afghanistans und Jemens.

Von der belarussischen Hauptstadt Minsk aus gelangten diese Menschen zuerst an die litauische, später auch an die polnische und die lettische Grenze. Die drei betroffenen Staaten begannen mit dem Bau von Zäunen und verstärkten den Grenzschutz. Die Zahl der Personen, die auf polnisches, lettische oder litauisches Territorium gelangten nahm in der Folge ab. Insgesamt gelangten aber über 11 000 Personen via Polen nach Deutschland und stellten dort ein Asylgesuch.

Im Verlauf des Herbsts versuchten Migrantinnen und Migranten beinahe täglich, die Schengen-Aussengrenze mit Gewalt zu überwinden. Die belarussischen Sicherheitskräfte liessen sie gewähren.

Im Verlauf des Herbsts 2021 wurden die Reisemöglichkeiten aus dem Nahen Osten nach Belarus deutlich eingeschränkt. Angesichts der winterlichen Verhältnisse an der Grenze und der schwindenden Aussicht in den Schengenraum zu gelangen, fliegen seit Ende November vermehrt Menschen aus Belarus zurück in ihre Heimat.

Für die Migration in Richtung Schweiz ist diese Route bisher kaum von Bedeutung.

Hauptmigrationsrouten Mittelmeer 2014 2021

Seit dem Höhepunkt der Migrationskrise im Jahr 2015 ist die Zahl der irregulären Einreisen in den Schengen-Raum deutlich zurückgegangen.

Im Jahr 2021 wurden 130 500 irreguläre Einreisen registriert. Die Aufschlüsselung nach Migrationsrouten sieht wie folgt aus:

  • Zentrale Route: 67 500 Einreisen
  • Östliche Route: 19 800 Einreisen
  • Westliche Routen: 43 200 Einreisen

Zahlen und weiterführende Information sind via das UNHCR Operational Data Portal abrufbar: Situation Mediterranean Situation (unhcr.org)