Flucht in die Arbeit

Im Rahmen des Pilotprogramms Fizu (Finanzielle Zuschüsse zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommen) wurden im 2021 allein im Kanton Jura 15 Personen ausgebildet und in lokalen Unternehmen als Arbeitskräfte eingesetzt. Das SEM schaute bei der AJAM (Association jurassienne d’accueil des migrants) wie auch bei der Mikrotechnologiefirma LEMO5 in Delémont vorbei. Zwei Flüchtlinge, ein Personalverantwortlicher und zwei Mit-Initianten des Programms gewährten Einblicke.

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Anbesajer Brhane

«Ich liebe meine Arbeit hier.»

Anbesajer Brhane floh 2015 aus Eritrea über Italien in die Schweiz. Seine Frau und seinen achtjährigen Sohn musste er zurücklassen. Nach verschiedenen Integrationsmassnahmen und einer halbjährigen Grundausbildung im Weiterbildungszentrum AK FORMATION in Courfaivre konnte er im Mikrotechnologieunternehmen LEMO5 in Delémont in den Arbeitsmarkt einsteigen.

Herr Brhane, woher kommen Sie ursprünglich?
«Ich stamme aus Adi Habr, einem kleinen Dorf in der südlichen Zone von Eritrea.»

Welchen Beruf haben Sie in Ihrer Heimat ausgeführt?
«Ich arbeitete als Bauer in einer kargen, hügeligen Gegend.»

Haben Sie Familie und Kinder?
«Ja. Meine Frau und mein Sohn flüchteten nach Äthiopien und leben derzeit immer noch dort. Ich hoffe, ich kann sie eines Tages in die Schweiz holen.»

Wie lange sind Sie schon in der Schweiz?
«Seit 2015. Ich kam über Italien hierher und lebe nun seit einem Jahr in einer Dreizimmer-Wohnung in Porrentruy – das ist ein Riesenglück für mich.»

Was waren Ihre ersten Eindrücke von der Schweiz?
«Als ich ankam, hat es sehr viel geregnet. Das war sehr gewöhnungsbedürftig. Wenn es in Eritrea regnet, bleiben wir zuhause. Hier ist Regen etwas ganz Normales. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Bald darauf kam der erste Winter…»

Wie haben Sie sich in der Schweiz eingelebt?
«Sehr gut. Die Menschen sind alle sehr hilfsbereit und nett – besonders auch hier an meinem Arbeitsplatz. Ausserdem kann ich mich bereits ziemlich gut auf Französisch unterhalten.»

Wie kamen Sie zu Ihrer Arbeitsstelle?
«Durch meinen Jobcoach Alain Graf vom AJAM. Im 2021 absolvierte ich eine sechsmonatige Ausbildung und jetzt arbeite ich hier bei LEMO5. Ich liebe meine Arbeit; alle Mitarbeitenden sind sehr geduldig und nett zu mir. Nach Abschluss meines auf zwölf Monate befristeten Vertrags möchte ich hier bei LEMO5 weiterarbeiten.»

Welche Perspektiven haben Sie?
«Ich möchte mich in kleinen Schritten kontinuierlich weiterentwickeln und verbessern. Mit dem Ziel, eines Tages meine Familie hier in Delémont in die Arme zu schliessen. Es ist hart; ich habe meinen achtjährigen Sohn seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich hoffe, er und meine Frau bleiben gesund.»


«Ich hoffe, mein Sohn kann mir die Sprache näherbringen.»

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Atie Khalil

Atie Khalil floh 2017 zusammen mit ihrem Mann in die Schweiz. Seit einigen Monaten arbeitet sie in der Produktionskontrolle beim jurassischen Technologieunternehmen LEMO5.

Frau Khalil, wie kamen Sie in die Schweiz?
«Ich bin Kurdin und komme aus Al-Hasakah – einer nordsyrischen Stadt mit knapp 200 000 Einwohnern. Mein Mann und ich mussten vor fünf Jahren unsere Heimat verlassen. Über Beirut kamen wir in die Schweiz.»

Wie geht es Ihrer Familie?
«Ich habe noch fünf Schwestern und drei Brüder – sie leben zusammen mit meinen Eltern in Deutschland.»

Was haben Sie in Syrien gemacht?
«Ich arbeitete als Übersetzerin an der Universität in Al-Hasakah.»

Was denken Sie vom Leben in der Schweiz?
«Es ist gut. Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn hier – und ich habe eine Arbeit. Das macht mich glücklich.»

Wo liegen die grössten Unterschiede zu Ihrer Heimat?
«Beim Klima. Und dass die Menschen viel zurückgezogener leben. Es ist hier schwieriger, Kontakte zu knüpfen als in Syrien.»

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag?
«Aber natürlich. Es war der 27. September 2021. Ich hatte meine Grundausbildung abgeschlossen und war sehr nervös. Zum Glück wurde ich sehr gut aufgenommen.»

Welche nächsten Ziele streben Sie an?
«Ich möchte hier weiterarbeiten und die Sprache lernen, damit ich sie möglichst bald gut beherrsche. Vielleicht bringt sie mir ja mein dreijähriger Sohn näher…»


Die Ermöglicher

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Jérémie Berberat und Alain Graf

Zwei Männer – eine Mission. Jérémie Berberat und Alain Graf sind die Baumeister der Integration für die Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen im Rahmen des Pilotprogramms Fizu (siehe nachstehender Kasten) im Kanton Jura. Berberat ist zuständig für die berufliche Integration im Kanton Jura. Alain Graf fungiert als Jobcoach und Koordinator des Fizu-Programms im Kanton. Die beiden sind allerdings nur so erfolgreich, weil sie auf die Zusammenarbeit mit den Akteuren der jurassischen Wirtschaft zählen können. Ein Paradebeispiel ist Frédérique Blaser, der HR-Verantwortliche beim Technologieunternehmen LEMO5 in Delémont.

«Mit dem Fizu-Programm können wir helfen, den Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen nicht nur eine Berufsperspektive zu geben, sondern sie auch aus der Sozialhilfe zu befreien», erklärt Alain Graf. Und ergänzt: «Aber es geht auch um die Unternehmen: Zahlreiche Firmen aus der Region haben festgestellt, dass sie Arbeitskräfte für einfache Arbeiten brauchen. Mit der Grundausbildung im Weiterbildungszentrum AK FORMATION in Courfaivre werden die Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen dafür fit gemacht.»

Graf und Berberat teilen sich den Job beim AJAM auf: Berberat koordiniert die Interessen des SEM und hat die Verantwortung für das FIZU-Programm. Graf ist der Jobcoach, der die Weiterbildung und die Kontakte zu den Unternehmen koordiniert. Wie zum Beispiel zu LEMO5, dem Technologieunternehmen in unmittelbarer Nähe zur AJAM in Delémont. Der HR-Verantwortliche Fréderique Blaser zeigt sich begeistert von den Integrationsbemühungen des Kantons und des SEM. «Wir engagieren uns gerne. Es geht darum, Synergien zu finden und zu helfen. Was mir dabei besonders am Herzen liegt: Frauen in der technischen Männerdomäne anzusiedeln.»

Damit ein solches Pilotprojekt zum Fliegen kommt, müssen alle beteiligten Institutionen an einem Strang ziehen. Vom SEM über das AJAM und die involvierten Unternehmen bis hin zu den Ausbildungszentren – und nicht zuletzt den Geflüchteten selbst. «Es braucht Enthusiasmus und Engagement von allen Seiten. Die erste Bilanz sieht sehr gut aus: Bis Ende 2021 konnten wir 15 Flüchtlinge ausbilden und anstellen. Bis Ende 2022 sollten es über 24 sein», so Jérémie Berberat. «Im Jahr 2021 haben wir 15 Migranten in der Uhrenindustrie und in der Mikrotechnik sowie Metallbranche ausgebildet und in den Arbeitsmarkt gebracht. Für dieses Jahr planen wir, Unternehmen aus weiteren Branchen zu gewinnen – beispielsweise aus den Bereichen Holzbau und der Metallindustrie», erklärt Alain Graf die langfristige Ausrichtung des Programms. Und Jérémie Berberat ergänzt: «Nicht zuletzt möchten wir den kantonsübergreifenden Austausch fördern und werden die dementsprechenden Stellen kontaktieren.»

Das steckt hinter FiZu

FiZu steht für «Finanzielle Zuschüsse zur Arbeitsmarkt­integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen». Das Pilotprogamm strebt Kooperationen mit Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern an, welche Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene mit einem ausserordentlichen Einarbeitungsbedarf zu den üblichen Arbeitsbedingungen anstellen. Diese Unternehmen erhalten während einer begrenzten Zeit finanzielle Zuschüsse an die Lohnkosten oder die arbeitsplatzbezogene Einarbeitung und Weiterbildung der Mitarbeitenden. Zielgruppe sind vorläufig Aufgenommene und Flüchtlinge, die im Rahmen ihres Integrationsprozesses bereits Massnahmen wie Ersteinsätze, Qualifikationsprogramme oder Spracherwerb absolviert haben. Auf diesem Weg sollen von 2021 bis 2023 landesweit jährlich mindestens 300 Personen eine Arbeitsstelle antreten können. Die Wirksamkeit wird von einer externen Firma im Rahmen einer Evaluation untersucht und beurteilt. Das Pilotprogramm ist Teil des vom Bundesrat beschlossenen Massnahmenpakets zur Förderung des inländischen Arbeitskräftepotenzials, zu welchem auch Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene gezählt werden. FiZu bildet eine der beiden Massnahmen, die in der Zuständigkeit des SEM liegen.

Finanzielle Zuschüsse