Von Sprachnachweisen, Piripiri und José

Migrantinnen und Migranten können neu in im Kanton Graubündens ihren Sprachnachweis in Rätoromanisch abgeben. Für Andreas Gabriel, den stellvertretenden Generalsekretär der Lia Rumantscha, ist das ein Meilenstein für die oft vernachlässigte Landessprache.

LR 4784 Andreas Gabriel
Andreas Gabriel

«Rätoromanisch ist seit 1938 eine der vier Landessprachen in der Schweiz. Sie gliedert sich in fünf verschriftlichte Idiome: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader. Rätoromanisch verfügt gleichzeitig seit 40 Jahren über eine Standardschriftsprache, das Rumantsch Grischun. In der Schweiz sprechen heute noch rund 60 000 Menschen Rätoromanisch – rund ein Drittel davon lebt ausserhalb des Kantons Graubünden.

An der Anzahl Sprecherinnen und Sprechern gemessen, liegen die drei anderen drei Landessprachen der Schweiz weiter vorne. Der Bund ist jedoch verpflichtet und gewillt, das Rätoromanische als eine seiner Landessprachen zu fördern. Sie wird nicht nur durch die Abwanderung der einheimischen Bevölkerung bedroht, sondern insbesondere auch von der sprachlichen Durchmischung im Sprachgebiet. Die Sprache ist gemäss einer Studie des Bundes aus dem Jahr 2019 mittelfristig in ihrer Existenz bedroht.

Die sprachliche Binnenmigration wird bisher kaum als Problem wahrgenommen – für unsere Sprache aber ist sie eines. Wir von der Lia Rumantscha versuchen deshalb, Rätoromanisch als Integrationssprache zu etablieren. Will heissen: Deutschsprachige Zuzügerinnen und Zuzüger in rätoromanischen Gemeinden sollen dafür sensibilisiert und motiviert werden, die Sprache zu erlernen, selbst wenn alle Rätoromaninnen und Rätoromanen Deutsch verstehen.

In unserem Sprachgebiet haben sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche portugiesischsprachige Menschen niedergelassen. Mit Piripiri wurde bereits vor mehr als zehn Jahren ein spezielles Lernangebot der Lia Rumantscha lanciert, das den Portugiesinnen und Portugiesen den Zugang zur rätoromanischen Sprache und Kultur erleichtern soll. Diese Kurse haben sich sehr bewährt und geholfen, die kulturelle Integration zu fördern.

Dass jetzt der Bund einen Sprachnachweis auf Rätoromanisch entwickelt hat, ist ein wichtiger Meilenstein für unsere Sprache. Rätoromanisch als Landessprache benötigt eine durchgehende Bildungskette – von der Vorschule bis zur Universität. Zudem braucht es eine konsequente Präsenz auch in der öffentlichen Verwaltung und in den Medien.

Ich selbst bin in einer rätoromanischen Gemeinde in der Surselva aufgewachsen: In der Dorfbäckerei von Waltensburg/Vuorz arbeitete José, ein Portugiese, der fliessend Rätoromanisch sprach. Die beiden Sprachen Portugiesisch und Rätoromanisch sind verwandt. In den letzten Jahren haben sich viele Portugiesen in Graubünden unserer Sprache angenommen. Ich persönlich aber habe leider bis heute kein Portugiesisch gelernt. Das hole ich spätestens nach, wenn Portugal der 27. Kanton der Schweiz wird …»

Andreas Gabriel, stellvertretender Generalsekretär Lia Rumantscha

Der Sprachnachweis auf Rätoromanisch

Der rätoromanische Sprachnachweis ist beim vom Bund entwickelten Sprachförderprogramm fide ein Thema, seit der Nachweis von Sprachkompetenzen in einer Landessprache als eines der Integrationskriterien gesetzlich verankert wurde. Die Integration geschieht vor Ort. Migrantinnen und Migranten in rätoromanischen Gebieten des Kantons Graubünden, darunter zahlreiche Portugiesinnen und Portugiesen, haben hierfür die rätoromanische Sprache gelernt und sprechen sie in ihrem Beruf und im Alltag.

In Bezug auf den rätoromanischen Sprachnachweis lancierte das SEM zuerst eine Bedarfsanalyse und brachte danach die verschiedenen Stakeholder des Kantons Graubünden an einen Tisch. Entstanden ist nun ein Test, der in allen fünf Idiomen absolviert werden kann. Dieser Test wurde von der vom SEM beauftragten Geschäftsstelle fide entwickelt – die Durchführungen finden in Zusammenarbeit mit der Lia Rumantscha statt. Die ersten Erfahrungen sind positiv – das Angebot besteht seit November 2021 und befindet sich noch in der Aufbauphase.